Frauengeschichten aus dem Turnverein Badenstedt.

Welche Begeisterung und welcher Idealismus muß die damaligen Aktiven beseelt haben, die in einem kleinen Raum in der Gastwirtschaft Zieseniß an behelfsmäßigen Geräten ihre ersten turnerischen Übungen versuchten! So mancher brave Badenstedter Bürger und Bauersmann mag ob dieses "halsbrecherischen Treibens" verständnislos den Kopf geschüttelt haben. Zudem waren die "Verrückten", die sich solchen Tuns hingaben, ja nicht viel älter als 20 Jahre. Das abwertende Wort vom "Bor- und Balgeklub" machte die Runde. Ins Hoch­deutsche übertragen, würde das etwa "Stemm- und Raufverein" bedeuten, wobei leider nicht überliefert ist, wer was gestemmt und wer sich mit wem gerauft hat.

Aber wir wissen es inzwischen aus eigener Erfahrung: Vieles - sicher nicht alles! -was von jungen Leuten angeregt und verwirklicht worden ist, hat alte Zöpfe abgeschnitten und zur Weiterentwicklung beigetragen. So war es auch damals: Aus einer kleinen Gruppe belächelter und verspotteter Turner wurde nach und nach ein Verein, der im Leben des Ortes seinen Platz beanspruchte und erhielt. Immer mehr sahen ein, daß das "Frisch-Fromm-Fröhlich-Frei" Jahn'scher Prägung ein wichtiger Faktor bei der Bewältigung der größer werdenden Schwierigkeiten des menschlichen Lebens von damals darstellte. Mit einer heute gängigen Redewendung würde man sagen:

Die Turner haben zur Verbesserung der Lebensqualität beigetragen!

Die  Mitgliederzahl  wuchs,  und  1894 fand -mit dem feierlichen  Gepränge der kaiserlichen Zeit die Fahnenweihe statt.

Es liegt im unterschiedlichen Naturell der Menschen, an ihren verschiedenen Interessen, vielfach an persönlichen Mißhelligkeiten und -leider- auch an politi­schen Ansichten, daß es hin und wieder zu vereinsinternen Auseinandersetzungen kommt, die gewisse Konsequenzen nach sich ziehen. So traten auch damals bereits nach vier Jahren einige Mitglieder aus der jungen Gemeinschaft aus und gründeten - wie sollte es anders sein - einen neuen Verein: den Turnklub Badenstedt. -

Besonders unsere heutigen Turnerinnen, Handball- und Tennis­spielerinnen wird interessieren, welche Möglichkeiten sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts den Mädchen und Frauen als Vereinsmitgliedern boten. Darüber gibt ein überliefertes Dokument aus dem Jahre 1896 Auskunft. Vielleicht sollte zum besseren Verständnis des Inhalts dieses Aufrufs von damals vorab der Begriff "Vereinsdamen" erläutert werden. In unserem heutigen Sprachgebrauch würde man darunter "passive weibliche Mitglieder" verstehen. Wer allerdings daraus nun folgern sollte, daß es eine von den Damen selbst gewünschte Passivität gewesen sei, der sollte auf folgendes hingewiesen werden: Mädchen und Frauen durften ihre Mitgliedschaft im Verein aktiv nur bei geselligen Veranstaltungen nutzen, von aktiver turnerischer Betätigung waren sie ausgeschlossen!

Zum Beweis dessen nun der Wortlaut des Vorstandsschreibens aus dem Jahre 1896:

"Unseren Vereinsdamen teilen wir mit:

Da trotz unserer mehrfachen Bemühungen unsere jetzigen Vereinsdamen einen Beschluß über die Neuaufnahme von weiteren Vereinsdamen nicht herbeigeführt haben, hat der unterzeichnete Vorstand in einer Sitzung beschlossen: Diejenigen Damen, welche sich dem Verein als Vereinsdamen anschließen wollen, haben dieses dem Vorstand schriftlich mitzuteilen Werden seitens des Vorstands, der Vereinsdamen oder der Vereinsmitglieder keine Gründe ehrenrühriger Art gegen die Aufnahme der betreffenden Dame vorgebracht, so kann der Vorstand den Anschluss an den Verein gegen ein Eintrittsgeld von 3,- Mark genehmigen. Nach Zahlung des Eintrittsgeldes wird der Dame das Vereinsabzeichen übergeben Die Verwaltung der etwa einkommenden Gelder und das Bestimmungsrecht über die Kasse steht den Vereinsdamen zu; doch wird die Kasse bis zur endgültigen Einigung über dieselbe vom Vorstand verwaltet. Während der Verwaltung der Kasse durch den Vorstand werden die Gelder nur für Interessen der Vereinsdamen ausgegeben oder auf gemeinschaftlichen Beschluß der Vereinsdamen für die von ihnen bestimmten Zwecke.

Der Vorstand des Männerturnverein Badenstedt

"Zu diesem Beschluss muss bemerkt werden, dass sich bis zum heutigen Tage (gemeint ist der Tag der Veröffentlichung des Aufrufs) niemand zur Aufnahme gemeldet hat."

Es dürfte nützlich sein, zu diesem aufschlussreichen Dokument einige Anmerkungen zu machen. Erinnern wir uns noch einmal an die bereits dargestellten zeitgeschichtlichen Aspekte. Daraus läßt sich unschwer ableiten, daß es für Frauen nur wenige Möglichkeiten gab, in die bisherigen Domänen der Männer einzubrechen. Man handelte oder ließ mit sich handeln nach dem Motto: Die Frau gehört an den häuslichen Herd und Nähtisch, wo kämen wir hin wenn ihr erlaubt würde, sich bei turnerischen Veranstaltungen "zur Schau" zu stellen! Aber lassen sich bei genauerem Studium des Aufrufs nicht auch Hinweise darauf finden, dass den Vereinsdamen im Sinne der damaligen Männerturnvereins-Hierarchie schon beachtliche Rechte eingeräumt und Zugeständnisse gemacht wurden, die man als Ansätze zu einer Emanzipation ansehen könnte? Da heißt es doch z.B.: "Die Verwaltung der einkommenden Gelder und das Bestimmungsrecht über die (eigene!) Kasse steht den Vereinsdamen zu." Oder an einer anderen Stelle' "Die Gelder werden nur für die Interessen der Vereinsdamen ausgegeben oder auf gemeinschaftlichen Beschluss der Vereinsdamen für die von ihnen bestimmten Zwecke." 

Natürlich verkneifen wir uns an dieser Stelle nicht eine Anmerkung zur jetzigen Situation. Heute dominieren die weiblichen Mitglieder den Turnverein Badenstedt. TV Hannover-Badenstedt | weiblicher Leistungsbereich (wordpress.com). Zwei deutsche Meisterschaften der weiblichen Jugend B und eine Vize-Deutsche Meister-Mannschaft sprechen Bände.

Den Vergleich mit einem Stemm- und Raufverein  stehen die Damen des TVB locker durch. Schauen Sie sich die Bilder im beigefügten Link an, dann wissen Sie wie es beim Handball zugeht.

TV Hannover-Badenstedt | Flickr

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Muss leiden: Leonie Neuendorf die Kapitänin der 3. Ligemanschaft des

TV Hannover Badenstedt.                      Foto mit Genehmigung von zerfi