Hannovers Straßenbahn Linie 10

Eine Überlandstraßenbahn für den Personen und Güterverkehr erschließt der Industrie den ländlichen Raum

mit freundlicher Genehmigung von Herrn Hans-Joachim Rüpke von der Seite www.zieseniss.de

Die Linie 10: Hannover - Linden - Gerden - Barsinghausen (1894 - 1953)

Als erste Außenlinie der hannoverschen Straßenbahn war 1894 die Linie 10 für die 26,6 km lange Strecke von Hannover über Empelde, Gehrden, Leveste, Langreder und Egestorf nach Barsinghausen die Barsinghausener Strecke eingerichtet worden. 1896 ging sie bereits über Empelde zu den Siebentrappen, bis sie 1898 die Stadt Gehrden erreichte und 1899 fertig war.

 

 

Im 3-Wagenzug nach Hildesheim, überland mit Speisewagen
Neben den ländlichen Außenlinien, nach Großburgwedel, Misburg (Erdölraffinerie, Zementwerke), Anderten (Zementwerke) Sehnde (Kalibergbau) Haimar und der Fernverbindung nach Hildesheim, war die Deisterstrecke Line 10 die wohl wichtigste Überlandstraßenbahnlinie.

Sie verband den rohstoffreichen Deisterraum mit dem Industriegebiet Linden, war Ader für neue Arbeitskräfte aus dem Umland und brachte auf Anschlußstrecken die Sonntagsausflügler direkt zu den straßenbahneigenen Ausflugsgaststätten am Benther Berg und Gerdener Berg.

Auf den gesondert dafür gebauten Anschlußstrecken und Anschlußgleisen gab es damals einen regen Sonderverkehr, nicht ohne Eigeninteresse der Staßenbahnaktiengesellschaft, die keine Sparten ausließ, wo es was zu verdienen gab. Subventionen gab es damals nämlich keine.

Im Außenverkehr galt das Motto, jede Haltestelle neben dem Gasthaus, jeder Endpunkt mit Ausflugslokal, jedem großen Betrieb sein Anschlußgleis. Die Straßenbahn ließ keine gewinnbringende Tätigkeit aus. Die Kasse klingelte.

Zwischen Barsinghausen und Hannover wurden morgens im Personenverkehr "Schlafwagen" eingesetzt. Mit Rollos abgedunkelt fuhren die Bahnen ohne Zusteigemöglichkeit bis in die Stadt. Den Arbeitern war damals noch ein Schläfchen gegönnt. Für Fahrgäste im Stadtgebiet war die Line 10 tabu. Geregelt wurde das über den Fahrpreis.

 

Aber nicht nur für den Personenverkehr, sondern auch für die Straßenbahngüterbeförderung war die Strecke bedeutend; sie transportierte, Stückgut, Zement, Kalk, Ziegel, Zuckerrüben und die in Barsinghausen abgebaute Deisterkohle.

In Badenstedt gab es den Staßenbahngüterbahnhof "Körtingsdorf" (später Straßenbahn-Bahnhof "Am Soltekampe" genannt, heute Baumarkt "Marktkauf") der mit seinen vielen Aufstellgleisen auch eine direkte Verbindung zu den Salienen Egestorffhall und Neuhall, sowie zu der Waggonfabrik Schörling und zu den Lindener Häfen hatte.

Entweder waren die Anschlüsse direkt unter Oberleitung oder die Güterwaggons wurden, weil beide Bahnen gleiche Normalspurweite hatten, direkt von der Hafenbahn übernommen.

Außer den Zugloks, die man Bockmaschienen nannte, gab es stärker motorisierte Gütermotorwagen, die z.T. im gemischten Personen/Güterverkehr liefen.

Über 300 Güterwaggons standen für Massengüter zur Verfügung. Darüber hinaus gab es Stückgut-, Gemüse-, Milch- und Haus-zu-Haus Verkehre, die im Laufe der Zeit der Konkurrenz der LKW`s zum Opfer fielen.

Ab 1901 wurde für die Saline Neuhall und Egestorfhall in Badenstedt ein direkter Anschluss für den Kohletransport aus Barsinghausen geschaffen.

Mit speziellen Güterwaggons (Bügelwagen genannt, wegen der oberen sichtbaren Querbügel) wurde Kohle für die Beheizung der Siedepfannen der damals größten Saline Deutschlands bis 1952 gefahren.

Nach der Befreiung im April 1945 durch die Alliierten, wurde der Güterverkehr nach Barsinghausen im gleichen Monat durch Sondergenehmigung wiederaufgenommen, um die Öfen in Linden warm zu halten.

Während der Winterkatastrophe 1946/47, bei eisigen Schneestürmen, noch durch meterhohe Schneewehen, bei unter -20° C mit, wurde mit teilweise mit 3 Zugloks (Bockmaschinen) Kohle auf der Überlandstraßenbahn von Barsinghausen nach Hannover und Linden gefahren.

 

Nach vielen Umbauten: der "Bock", die Zuglok der Güterstraßenbahn heute
Als Schneepflug mehrfach erhalten geblieben: der alte Triebwagen für den gemischten Personen- und Güterverkehr der östlichen Linien

Mit der Urform dieser noch erhaltenen Straßenbahnlok, von einer Bockmaschine gezogen, fuhren damals die Kohlengüterzüge der Hannoverschen Straßenbahn, von Barsinghausen nach Linden über die Strecke der Überlandline 10, Barsinghausen - Gehrden - Linden - Hannover.

 

Die übrig gebliebene Straßenbahnlock rechts im Bild steht im Depot der Üstra und stammt vermutlich aus der Produktion der Waggonbaufabrik Schörling in Linden, die natürlich auch Straßenbahnanschluß hatte.

Auf den Überlandstrecken fuhren auch im gemischten Verkehr Güterstraßenbahnen, die sich bis heute bei der hannoverschen Straßenbahn als Arbeitswagen (Bild links unten) mit Schneepflug erhalten haben.

Ähnliche Fahrzeuge wurden danach, auch von Schörling, als Schienenschleifwagen gebaut. Sie sind noch vielerorts, auch in Hannover, im Einsatz.

 

Nach der Umstellung Einstellung auf Busbetrieb der Linie von Gehrden nach Barsinghausen 1952, wurde noch bis 1953 kurzzeitig Kohle aus Barsinghausen per Bahn befördert.

Die ÜSTRA stellte danach zum 1.Dezember 1953 den Güterverkehr schließlich auf allen Strecken ein.

 

Heute würde man vermutlich eine Streckenstillegung ganz anders betrachten. Damals gab es aber noch keine Initiative zum Erhalt des Öffentlichen Nahverkehrs mit all seinen Zuschüssen. Die auf Dividende angewiesen Aktionäre der Überlandstraßenbahn Aktiengesellschaft gaben damals den Ausschlag.

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